Antifa-Stadtspaziergang durch Lüchow

Am Sonntag, dem 28.10., zog ein antifaschistischer Stadtspaziergang durch Lüchow im Wendland und über den Lüchower Flohmarkt. Dort kam es in der Vergangenheit zum Verkauf von Nazi-Krams an mehreren Ständen, worauf durch ein Flugblatt hingewiesen wurde. Wie zuletzt tummelten sich auch heute wieder mehrere Nazis und andere Rechte mit szenetypischer Kleidung und rechten Klamottenmarken vor und hinter den Verkaufsständen. Mit dem Stadtspaziergang sollte auf die immer offensiver auftretenden Neonazis in der Region hingewiesen werden.

 

Eine Veranstalterin behauptete im Gespräch, die im Text beschriebenen Sachverhalte seien allesamt unwahr, weshalb hier ein Foto als Beleg angehängt ist. Uns scheint eher, dass man lieber nicht so genau hinsehen und mit de Rechten lieber Kasse machen will. Auch heute trugen Standbetreiber etwa einen Pulli der Marke “Thor Steinar” mit fettem Aufdruck, ein anderer trug ein großes Eisernes Kreuz um den Hals. Eine Standbetreiberin schimpfte in Richtung der Antifas, ob sie denn auch etwas gegen “Ausländer, die klauen” tun würden, jemand anderes verteidigte den hier gängigen Verkauf von Nazi-Devotionalien als “deutsche Kultur”. Deutlicher lässt sich ein rechter Konsens kaum machen. Beim folgenden Spaziergang durch einen in der Innenstadt ebenfalls stattfindenden Markt wurden wieder mehrfach Neonazis und rechte Jugendliche angetroffen. Der Text des verteilten Flyers:

Gegen Nazipest & Rechtsruck – auch in Lüchow!

Auf dem letzten großen Lüchower Flohmarkt wurde an mehreren Ständen Nazi-Krams verkauft. Obwohl der Betreiber des Flohmarktes den Verkauf dieser NS-Reliquien wie Original-Urkunden zur Übergabe von Verdienstorden (“Der Führer verleiht das Eiserne Kreuz Ersten Grades an…”) in seiner Standordnung verbietet, konnten Rechte in der Vergangenheit solche Materialien in Lüchow anbieten. So dekorierte sich beim letzten Markt ein Stand offensiv mit einer schwarz-weiß-roten Reichskriegsfahne. Neonazis nutzen Flaggen wie diese, die teilweise auf die Zeit des deutschen Kaiserreiches zurückgehen, als Ersatz für verbotene NSDAP-Fahnen. So mancher Naziaufmarsch in Deutschland läuft darum unter einem Meer dieser Flaggen, die die selben Farben tragen wie der rote Hakenkreuzlappen. An einem weiteren Stand wurde, neben den besagten Verleihurkunden für Eiserne Kreuze, weiterer Militaria-Müll und eine Ausgabe von Hitlers “Mein Kampf” vertrieben, an einem dritten Stand ließen sich Drucksachen aus der Zeit des NS erwerben, inklusive üblichem Hakenkreuzstempel. Unter den Besucherinnen und Besuchern des Marktes fanden sich zudem mehrere Gruppen und Einzelpersonen, die ihre neonazistische Gesinnung durch Tätowierugen, Shirts oder Taschen extrem rechter Kleiderlabels und mit rechten Aufdrucken zur Schau trugen

Diese Beobachtung vom Lüchower Flohmarkt ist jedoch kein Einzelfall: seit diesem Sommer haben viele verschiedene Menschen beobachtet, dass sich Rechte und Neonazis immer selbstbewusster trauen, ihre mordlüsterne Ideologie auf ihren Klamotten auszustellen und offensiv in der Innenstadt aufzutreten. Anfang 2018 kam es mit Unterstützung von NPD-Verbänden aus der Umgebung zu einer Neonazidemonstration am Lüchower Busbahnhof. Viele dutzende Nazigegnerinnen und -gegner insbesondere aus dem Umfeld der Anti-AKW-Bewegung pfiffen und schrien damals gegen die Standkundgebung an, die von einem Rechten aus der hiesigen Gemeinde Gusborn bei der Polizei angemeldet worden war. Sowohl auf der Veranstaltung selber, als auch im Umfeld und unter den Zuschauenden, wurden mehrere Neonazis wie der aus Salzwedel zugezogene Sven M. gesichtet. Im selben Jahr kam es zudem zu mehreren Provokationen von Neonazis gegenüber Protestveranstaltungen, etwa gegen den türkischen Angriffskrieg auf den kurdischen Kanton Afrin. Einer der Nazis aus dem Landkreis versuchte dabei, eine Demonstrantin körperlich anzugreifen, woran ihn die Polizei schließlich hinderte. Unter Jugendlichen des Landkreises sind Warnungen vor gewaltbereiten, mit Waffen ausgestatteten jungen Neonazis im Umlauf und es kommt zu Einschüchterungen und Bedrohugen im öffentlichen Raum. Ein Rechtsextremist fuhr in der Vergangenheit mit einem Kfz-Nummernschild durch die Stadt, bei der die EU-Flagge durch eine Flagge des deutschen Reiches überklebt worden war. Das ist eine beliebte Ausdrucksform der rechtsradikalen sogenannten “Reichsbürger”-Bewegung, die das Fortleben des deutschen Reiches nach 1945 behauptet und auch ansonsten massenhaft krude Verschwörungstheorien verbreitet. Gleichfalls rechte Verschwörungstheorien, z.B. über angeblich vonstatten gehende Bevölkerungsaustauschprogramme gegen das “deutsche Volk”, tauchten kürzlich an mehreren soziokulturellen Zentren, Aushängen von kleinen Läden und anderen Treffpunkten in Form von Flyern auf. Der Rechtsterrorist, der diesen Samstag in einer US-Synagoge 11 Menschen tötete, postete vorher in sozialen Medien ähnliche Behauptunge über von Juden gelenkte Einwanderung. Gekrönt wird das Ganze vom AfD-Bundestagsabgeordneten und ehemaligem Bürgermeister der Gemeinde Schnega, Wilhelm von Gottberg, der den Holocaust eine “jüdische ›Wahrheit‹” (man beachte die Einklammerung!) und ein “Dogma” nennt, das angeblich “jeder freien Geschichtsforschung entzogen” bleibe. Das ist nichts anderes als chiffrierte Holocaustleugnung, um gegen kein Gesetz zu verstoßen. Von Gottberg ist außerdem AfD-Fraktionsvorsitzender im Kreistag des Landkreises Lüchow-Dannenberg, hat den örtlichen AfD-Verband mitbegründet und wird dort von angeblichen “Moderaten” der Partei geduldet und hofiert.

Wir nehmen es nicht hin, dass weder der Betreiber des Lüchower Flohmarktes die Einhaltung seiner eigenen Regeln zur Verbannung von Nazi-Kram vom Markt durchsetzt, noch, dass es offensichtlich keine Lüchower Bürger und Bürgerinnen tun. Angesichts des bundesweiten und globalen Rechtsrucks wehren wir uns gegen diese Unbekümmertheit und fordern: der Kampf gegen verschiedene nationalsozialistische Akteure und die faschistische Ideologie darf nicht an Einzelnen hängen bleiben! Wir machen allen Neonazis, ob unorganisiert, ob in NPD oder der AfD, klar: im Landkreis Lüchow-Dannenberg kriegt ihr es mit uns zu tun:

Ansage: Lüchow Antifa Area (Foto von zentraler Jeetzel-Brücke in Lüchower Innenstadt)
Bild vom vergangenen Flohmarkt: Standbetreiber schmücken sich mit Reichskriegsfahne
Bild vom vergangenen Flohmarkt: Standbetreiber schmücken sich mit Reichskriegsfahne

Antifa-Stadtspaziergang auf dem Lüchower Flohmarkt Antifa-Stadtspaziergang auf dem Lüchower Flohmarkt

Naziprovokationen am Rande einer Demonstration in Lüchow, Frühjahr 2018
Naziprovokationen am Rande einer Demonstration in Lüchow, Frühjahr 2018

gefunden auf https://de.indymedia.org/node/25506